Alterlos reif

Paul Fogarty sorgte für einen perfekten Abend im Blue Note

Ein handfester Mann aus einem winzigen Nest in Queensland, Australien. Paul Fogarty. Die Herkunft, die wenig glückliche Kindheit, sie werden in etlichen der "ungefähr 1.000 Songs" thematisiert, mit denen Fogarty - kein Jüngling mehr - seit Jahren durch die Clubs zieht. Als Profi, der weiß, worauf man sich einlässt, wenn man Qualitätsmusik macht: Auf ein Leben mit geringem Einkommen, unsicheren Zukunftsaussichten und keinerlei Absicherung. Aber: Selbstbestimmt, frei, unabhängig.

Dieses Wissen steckt in der Stimme. Alterslos reif, etwas rauchig, ein wenig nölig, souverän. Dazu die Gitarre - meist die schlichte akustische, bei zwei Stücken auch die Zauberklänge der Lap-Steel, ein Tambourin, mit dem rechten Fuß bedient, bei einem Stück eine sehr eigen gespielte Mundharmonika. Fertig. Mehr braucht es nicht für einen perfekten Abend, an dem Fogarty uns teilhaben lässt an der Liebe zu seiner deutschen Frau, mit der er in der Nähe von Stuttgart lebt, an Gefühlen diversen Ex-Freundinnen gegenüber, Erinnerungen an das Leben im fernen Australien.

Da grüßt der akustische Neil Young in den elegischen Stücken, wenn Fogarty von dem wiederkehrenden alten Mann singt, den er mit dem Gewehr in der Hand gesehen hat; oder wenn er zu einer komplizierten Akkordfolge bekundet, dass er genug Zeit auf den Knien verbracht hat: "Jesus knows my face by now."

"Leaving Town" ist ein zärtliches Abschiedslied, ein Goodbye zu einer zerstörerischen Beziehung, zu einem "live of misery and pain". Der Text ein klassischer Blues, die Melodie perlender Americana.

Als böse angekündigt und doch nur witzig: Ein Medley aus Simon & Garfunkels "Feeling Groovy", Louis Armstrongs "What a Wonderful World" und John Denvers "Leaving on a Jetplane". Spielerei mit Stimmlagen und Rhythmuswechseln. Die Bassstimme Armstrongs taucht bei "Just the Two of Us" noch einmal auf, in lakonischem Sprechgesang vorgetragen. Es bleiben die einzigen Coverversionen des Abends - zu recht. Der Mann hat so viel hervorragendes eigenes Material, er braucht das fremde nicht.

Ein unbedingtes Highlight: "Piece of Live" über das Aufwachsen mit einem Vater der "niemals wusste, wie man eine Frau liebt, ein Mann, der niemals wusste, wie man weint - niemals wusste, wie er seinen Kindern sagen soll, dass er ihnen nicht in die Augen schauen kann". Bittersüß, sehr hoch gezupft. Keine zornige Abrechnung, eher eine ganz eigene Liebeserklärung an diesen Mann, der nun "auf der hinteren Veranda seines Lebens" sitzt.

Der frühe Bruce Springsteen, der von "Greetings from Ashbury Park", kommt einem in den Sinn bei Stücken wie "Drowning in my Hometown" oder dem hervorgestoßenen "Living in a Small Town". Distanziert das erste, geradezu schmerzhaft intensiv das letzte, das auch den Abend beendet. Abrupt, aber nicht unerwartet nach zwei großartigen Stunden. Dank dafür!

Beate Baum